Verantwortung tragen, ohne sich selbst zu verlieren
- andreas8054
- 24. Juni
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 2. Juli
Burkhard Babinger über
"Warum Resilienz, Stressmanagement und Selbstführung zu Schlüsselkompetenzen in Gemeinden geworden sind"
Es gibt Themen, die lernt man nicht aus Büchern. Man lernt sie in Verantwortung, in Konflikten, in schwierigen Entscheidungen, unter Druck – und manchmal an den eigenen Grenzen.

Wenn ich heute über Resilienz, Stressmanagement und Selbstführung schreibe, dann tue ich das nicht aus einer rein theoretischen Perspektive. Hinter diesem Thema stehen 40 Jahre berufliche Erfahrung: 30 Jahre in unterschiedlichen Führungsfunktionen und seit mittlerweile zehn Jahren als Trainer und Coach in Österreich. Gerade meine Zeit in Führungsverantwortung hat mich immer wieder dazu gezwungen, mich mit einer zentralen Frage auseinanderzusetzen:
Wie bleibt man unter hoher Belastung handlungsfähig, ohne sich selbst dabei zu verlieren?
Diese Frage begleitet mich bis heute – und sie begleitet auch meine Arbeit mit Klientinnen und Klienten, mit Führungskräften, Teams und Organisationen. Resilienz ist für mich kein Modewort, sondern die Fähigkeit, mit Belastung so umzugehen, dass man langfristig wirksam, gesund und innerlich stabil bleibt.
Im kommunalen Bereich hat dieses Thema in den vergangenen Jahren nochmals deutlich an Bedeutung gewonnen. Ich darf mittlerweile auf rund acht Jahre Erfahrung in der Begleitung von Gemeinden zurückblicken – in Workshops, Trainings, Klausuren und Einzelcoachings mit Bürgermeister:innen, Gemeinderät:innen, Amtsleiter:innen und Mitarbeitenden in Gemeindeorganisationen. Und wenn ich aus diesen Jahren eine Erkenntnis besonders klar mitnehme, dann diese: Die Anforderungen an kommunale Verantwortungsträger sind spürbar gestiegen – fachlich, emotional, sozial und politisch.
Gemeinden führen heißt heute, mit wachsender Komplexität umzugehen
Wer heute in einer Gemeinde Verantwortung trägt, spürt meist sehr deutlich: Die Aufgabe ist nicht einfacher geworden.
Das politische Umfeld ist vielerorts rauer, schneller und konfliktreicher. Diskussionen verlaufen schärfer, Positionen prallen unmittelbarer aufeinander, Friktionen nehmen zu. Gleichzeitig haben sich auch die Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger verändert. Gemeinden sind längst nicht mehr nur Verwaltungseinheiten oder politische Gremien, sondern unmittelbare Anlaufstelle für Anliegen, Wünsche, Probleme, Kritik und Enttäuschung. Erreichbarkeit, Lösungsorientierung, Tempo und Transparenz werden vorausgesetzt – möglichst gleichzeitig.
Hinzu kommt das Thema Verantwortung und Haftung, das in vielen kommunalen Entscheidungen mitschwingt. Nicht immer sichtbar, aber stets präsent. Und zusätzlich verschärft sich in vielen Gemeinden derzeit die budgetäre Situation. Spielräume werden enger, Prioritäten härter, Ressourcen knapper – während der Erwartungsdruck kaum sinkt.
Ein weiterer Punkt, der in Gesprächen mit Bürgermeister:innen und Gemeinderät:innen immer wieder auftaucht, ist die Schwierigkeit, Menschen für kommunale Verantwortung zu gewinnen. Gerade dort, wo viel Einsatz, Zeit und Herzblut gefragt wären, wird es zunehmend schwerer, Mitstreiterinnen und Mitstreiter für diese oft auch ehrenamtlich oder nebenberuflich getragene Arbeit zu finden.
All das führt zu einer entscheidenden Frage: Wie bleibt man unter diesen Bedingungen motiviert, klar und resilient?
Denn Gemeinden brauchen Menschen, die Verantwortung übernehmen. Menschen, die gestalten, moderieren, entscheiden, Konflikte aushalten und auch in schwierigen Phasen Orientierung geben. Aber sie brauchen keine Menschen, die dabei innerlich ausbrennen.
Die entscheidende Führungsfrage: Wie nähre ich meine eigene Quelle?
Wenn ich mit Führungskräften arbeite – in Unternehmen, Organisationen oder Gemeinden –, dann geht es auf einer übergeordneten Ebene fast immer um dieselbe Frage:
Wie sorge ich dafür, dass meine eigene Quelle nicht versiegt?

Mit dieser „Quelle“ meine ich die eigene Energie, die innere Stabilität, die psychische Widerstandskraft und die Fähigkeit, auch unter Druck klar zu bleiben. Wer in Verantwortung steht, investiert permanent etwas von sich: Zeit, Aufmerksamkeit, Präsenz, Entscheidungskraft, Geduld, Lösungsideen, manchmal auch Trost, Konfliktfähigkeit oder emotionale Stabilisierung für andere. Gerade in Gemeinden ist dieser Energieeinsatz besonders hoch, weil Themen selten nur sachlich sind – sie betreffen Menschen, Beziehungen, Erwartungen und oft sehr persönliche Anliegen.
Deshalb halte ich einen Gedanken für zentral: Bevor wir dauerhaft für andere da sein können, müssen wir lernen, auf die eigene Energie und Belastungsfähigkeit zu achten.
Eine sehr treffende Metapher dafür stammt aus dem Flugzeug. Bei der Sicherheitseinweisung wird erklärt, dass bei einem Druckabfall zuerst die eigene Sauerstoffmaske aufzusetzen ist, bevor man anderen hilft. Was auf den ersten Blick egoistisch wirken mag, ist in Wahrheit zutiefst verantwortungsvoll. Denn nur wer selbst ausreichend versorgt ist, kann anderen wirksam helfen.
Genau so verhält es sich auch in kommunaler Verantwortung. Es macht keinen Sinn, sich bis an die Grenze der Erschöpfung aufzureiben, um dann festzustellen, dass man weder für sich selbst noch für andere noch tragfähig ist. Wer dauerhaft Verantwortung übernehmen will, braucht ein Bewusstsein dafür, wie mit der eigenen Energie umzugehen ist – nicht irgendwann, wenn es zu spät ist, sondern möglichst früh.
Resilienz beginnt nicht erst in der Krise
Oft wird Resilienz erst dann zum Thema, wenn jemand bereits erschöpft ist. Wenn Schlaf schlechter wird, Gereiztheit zunimmt, Konflikte sich aufstauen oder die Freude an der Aufgabe verloren geht. Aus meiner Sicht beginnt Resilienz jedoch deutlich früher.
Resilienz beginnt dort, wo Menschen lernen, sich selbst gut wahrzunehmen. Wo sie merken, was ihnen Energie gibt und was sie Kraft kostet. Wo sie die eigenen Muster unter Druck erkennen. Wo sie beginnen, zwischen Verantwortung und Überverantwortung zu unterscheiden. Und wo sie den Mut haben, sich nicht nur um Projekte, Bürgeranliegen, Sitzungen, Budgets und Konflikte zu kümmern, sondern auch um die eigene innere Stabilität.
Gerade im kommunalen Bereich ist das keine Nebensache. Bürgermeister:innen, Vizebürgermeister:innen, Gemeinderät:innen oder Amtsleiter:innen stehen oft in einer Rolle, in der sie für vieles gleichzeitig zuständig sind: für Entscheidungen, Kommunikation, Konfliktbearbeitung, Bürgernähe, strategische Fragen und nicht selten auch für operative Themen. Das birgt die Gefahr, dass man sich selbst zunehmend nur noch als Funktion erlebt – und immer weniger als Mensch, der ebenfalls Grenzen, Bedürfnisse und Erholungsbedarf hat.
Weg von der Retterrolle – hin zur Mentorrolle
Ein besonders wichtiger Gedanke in meiner Arbeit mit kommunalen Führungskräften ist der Blick auf das eigene Rollenverständnis.
Viele Menschen in Verantwortung tragen – bewusst oder unbewusst – einen starken inneren Auftrag in sich: Probleme lösen, alles zusammenhalten, für alle da sein, Lücken schließen, Konflikte entschärfen, retten, tragen, kompensieren. Gerade in Gemeinden, wo Nähe, Verbundenheit und Verantwortung für das Gemeinwohl eine große Rolle spielen, ist dieser innere Anspruch oft besonders stark ausgeprägt.
Und gleichzeitig liegt genau hier eine Gefahr. Denn wer sich dauerhaft in einer Retterrolle bewegt, läuft Gefahr, sich selbst zum Engpass zu machen. Alles läuft über eine Person, alles landet bei einer Person, alles wird von einer Person gehalten. Das wirkt nach außen engagiert und verantwortungsvoll – ist aber auf Dauer selten gesund und oft auch nicht nachhaltig.
Deshalb braucht es einen Perspektivwechsel: weg von der Vorstellung, alles selbst schultern zu müssen, hin zu einer Haltung, die man als Mentor-, Ermöglicher- oder Entwicklungsrolle beschreiben kann.
Für Bürgermeister:innen und andere Führungskräfte im kommunalen Umfeld bedeutet das:
· Verantwortung nicht automatisch zu sammeln, sondern bewusst zu verteilen
· andere einzubinden und in Entwicklung zu bringen
· nicht jede Aufgabe selbst zu lösen
· Strukturen zu schaffen, in denen Zusammenarbeit, Klarheit und Eigenverantwortung wachsen können
· und sich selbst nicht zum Nadelöhr des gesamten Systems zu machen
Das ist kein Rückzug aus Verantwortung. Im Gegenteil: Es ist eine Form von reifer Führung.
Drei typische Situationen aus dem Gemeindealltag
Wie schnell Belastung im kommunalen Umfeld ansteigen kann, zeigt sich oft nicht in großen Krisen, sondern in vielen kleinen, dauerhaften Spannungsfeldern des Alltags.
Da ist etwa der Bürgermeister, der neben seinem eigentlichen Beruf abends Sitzungen vorbereitet, tagsüber zwischen Bürgeranliegen, Projektfragen und Konflikten pendelt und am Wochenende kaum mehr inneren Abstand zur Rolle findet.
Da ist die Gemeinderätin, die mit großem Einsatz für ihre Gemeinde arbeitet, sich aber immer häufiger fragt, wie lange sie dieses Tempo zwischen Familie, Beruf und kommunalem Engagement noch halten kann.
Und da ist der Amtsleiter, der zwischen politischen Erwartungen, organisatorischen Anforderungen und personellen Themen permanent versucht, Stabilität zu sichern – und selbst kaum mehr Raum für Reflexion oder Regeneration findet.
Solche Situationen sind kein Zeichen von Schwäche. Sie sind Ausdruck eines Systems, in dem Menschen viel Verantwortung tragen – oft mit großem persönlichem Einsatz. Gerade deshalb braucht es einen bewussten Umgang damit.
Was Resilienz im kommunalen Alltag konkret bedeuten kann
Resilienz im kommunalen Kontext bedeutet nicht, „härter“ zu werden oder einfach noch mehr auszuhalten. Resilienz bedeutet vielmehr, einen gesunden, bewussten und wirksamen Umgang mit Belastung zu entwickeln.
Dazu gehören aus meiner Sicht fünf Dinge:
Die eigenen Stressmuster kennen – Was bringt mich regelmäßig in Anspannung? Welche Situationen, Personen oder Dynamiken kosten mich besonders viel Energie?
Die eigene Rolle klären – Was ist tatsächlich meine Aufgabe – und was nicht? Wo braucht es mein Eingreifen, wo eher Moderation, Delegation oder ein bewusstes Nein?
Regeneration nicht dem Zufall überlassen – Wer dauerhaft Leistung bringt, braucht bewusste Unterbrechung, Erholung und mentale Ordnung. Resilienz entsteht nicht nur im Tun, sondern auch im Auftanken.
Verantwortung teilen statt anhäufen – Gute kommunale Führung bedeutet nicht, alles selbst zu tragen. Sie bedeutet, Menschen einzubinden, Vertrauen zu geben und Verantwortung so zu gestalten, dass sie tragfähig bleibt.
Die eigene Quelle aktiv nähren – Was gibt mir Kraft? Wo finde ich Ausgleich, Ruhe, Perspektive und Abstand? Wie schaffe ich es, nicht nur für andere da zu sein, sondern auch mir selbst gegenüber Verantwortung zu übernehmen?
Resilienz ist Teil guter Gemeindeführung
Resilienz ist kein Zusatzthema für freie Stunden, wenn irgendwann einmal Zeit bleibt. Resilienz ist heute ein Teil guter Führung – gerade im kommunalen Bereich.
Denn Gemeinden brauchen Menschen mit Herz, Haltung und Verantwortungsbewusstsein. Aber sie brauchen auch Menschen, die gelernt haben, mit ihrer Kraft gut umzugehen. Menschen, die nicht nur reagieren, sondern sich selbst führen können. Menschen, die gestalten, ohne sich dabei zu verlieren.
Resilienz heißt in diesem Zusammenhang nicht Rückzug, sondern Präsenz. Nicht Härte, sondern innere Stabilität. Nicht Selbstoptimierung, sondern die Bereitschaft, gut für jene Quelle zu sorgen, aus der heraus wir Verantwortung übernehmen.
Und vielleicht liegt genau darin eine der wichtigsten Führungsaufgaben unserer Zeit – gerade in Gemeinden: Verantwortung mit Herz zu tragen, ohne dabei die Verbindung zu sich selbst zu verlieren.
Hinweis
Im November 2026 ist zu diesem Themenfeld ein Tagesworkshop für Führungskräfte im kommunalen Bereich geplant – mit Fokus auf Selbstführung, Stressmanagement und Resilienz im Spannungsfeld kommunaler Verantwortung.
Über den Autor:

Burkhard Babinger begleitet als Trainer, Coach und Unternehmensberater Menschen in Verantwortung – mit einem besonderen Fokus auf Selbstführung, Resilienz, Kommunikation und persönliche Entwicklung. Nach 30 Jahren in unterschiedlichen Führungsfunktionen
verbindet er heute seine praktische Führungserfahrung mit mittlerweile zehn Jahren Tätigkeit als Coach und Trainer in Österreich. Seit rund acht Jahren arbeitet er auch intensiv mit Gemeinden und kommunalen Führungskräften. Sein Zugang ist geprägt von Klarheit, Praxisnähe und seinem Leitsatz: Entwicklung mit Herz.




Kommentare